Ich bin kein klassischer Softwareentwickler. Ich kann Code lesen, aber ich schreibe ihn nicht flüssig aus dem Kopf. Wenn ich ein leeres Terminal sehe und eine Anwendung von Grund auf bauen müsste, wäre ich schnell an einer Grenze.
Trotzdem baue ich Software. Und ich glaube, dass genau darin eine neue Möglichkeit liegt.
Denn mein eigentliches Thema ist nicht Programmieren. Mein Thema sind Systeme.
Ich versuche, Dinge zu ordnen, zu organisieren und wiederholbar zu machen. Nicht, weil in meinem Kopf alles sauber sortiert wäre. Eher im Gegenteil. Ich denke schnell, vernetzt und oft sprunghaft. Ideen kommen nicht ordentlich in einer Reihe, sondern gleichzeitig aus mehreren Richtungen. Mein Kopf arbeitet eher wie ein Netz als wie ein Aktenordner.
Systeme helfen mir, damit zu arbeiten.
Vom eigenen Körper zum eigenen Haus
Rückblickend hat das lange vor meinen ersten Softwareprojekten begonnen. Vielleicht sogar 2013, als ich während der Schwangerschaft meiner Frau auf den YouTuber Chris Krüger und sein Programm „TSC 300 – The Super Challenge“ aufmerksam wurde. Ich war damals etwas außer Form geraten und wollte wieder schlank sein. 2014 kaufte ich das Programm und baute mir eine Excel-Datei, um verschiedene Dinge zu verfolgen.
An die Details dieser Datei erinnere ich mich heute nicht mehr vollständig. Aber das Muster ist klar: Ich wollte nicht nur einen guten Vorsatz haben. Ich wollte den Prozess sichtbar machen.
Als wir 2015 unser Grundstück kauften und im November 2016 in unser Haus einzogen, entstand wieder eine Excel-Datei. Dieses Mal ging es um Finanzierung, Rechnungen und die vielen Einzelteile eines Hausbaus. Eine Datei für alles.
Excel war dabei für mich nie nur eine Tabelle. Excel war die Möglichkeit, ein unübersichtliches Problem so abzubilden, dass ich damit arbeiten konnte. Beruflich habe ich ohnehin immer wieder Dinge gepflegt, berechnet und ausgewertet. Spätestens als Teamleiter in der Qualitätssicherung und im Kartenservice wurde es wichtig, Abläufe nicht nur zu kennen, sondern sie nachvollziehbar zu machen.
Systeme gegen das Chaos
Mein Antrieb ist bis heute derselbe: Ich möchte aus etwas Einmaligem einen Ablauf machen, den ich wiederholen, verbessern und irgendwann vielleicht auch an andere übergeben kann.
Das klingt diszipliniert. In Wahrheit ist es auch eine Reaktion auf meine eigene Arbeitsweise.
Ich bin kein Mensch, der jeden Tag gleichmäßig sein Feld bestellt. Ich funktioniere eher wie ein Sprinter. Wenn mich ein Thema packt oder der Druck groß genug ist, tauche ich vollständig ein und arbeite mit einer Ganz-oder-gar-nicht-Intensität. Starre Routinen bremsen mich eher aus.
Deshalb muss ich mich nicht in ein lineares System hineinpressen. Ich brauche Systeme, die mit mir arbeiten.
Dazu gehören auch Spaziergänge und das laute Denken. Wenn sich zu viele Gedanken stauen, gehe ich los und diktiere sie einfach. Nicht fertig, nicht schön, nicht sortiert. Erst einmal heraus aus dem Kopf. Das anschließende Ordnen und Zusammenfassen kann ein anderes Werkzeug übernehmen.
Das ist keine Flucht vor dem Denken. Es ist eine Arbeitsteilung.
Von Websites zu Software
Irgendwann reichte Excel nicht mehr. Ich wollte mehr als Tabellen. Soweit ich mich erinnere, hatte ich bereits ungefähr 2009 einen ersten Blog mit WordPress. Später, etwa 2020 oder 2021, wollte ich verstehen, wie man eine Website selbst erstellt und hostet. Daraus entstand fokus-soul.de – letztlich vor allem als Experiment.
Auch das war kein geradliniger Karriereplan. Ich wollte wissen, wie es funktioniert. Also habe ich gebaut.
Meine frühen Webprojekte aus dem Jahr 2023 – Finanzkompass, Invest Wise, ein Vokabeltrainer und ein weiterer Blogversuch – waren keine fertigen Produkte. Aber sie waren wichtige Schritte. Ich habe mich damit nicht zum Softwareentwickler erklärt. Ich habe ausprobiert, wie aus einer Idee eine sichtbare, benutzbare Oberfläche wird.
Später kam das Vertriebsdashboard. Erst Excel, dann VBA, später Python und schließlich die Erkenntnis, dass eine richtige Anwendung aus sehr viel mehr besteht als aus ein paar Funktionen und einer Oberfläche.
Am Anfang hatte ich von Backend, Datenbanken, OAuth, Git, GitHub, Terminals und Entwicklungsumgebungen kaum eine Vorstellung. Ich dachte, ein bisschen Frontend und ein paar logische Funktionen würden schon reichen. Das war naiv.
Heute weiß ich: Der sichtbare Teil einer Anwendung ist oft der kleinste Teil des Problems.
KI hat den Zugang verändert
Als ich Mitte 2023 zum ersten Mal mit ChatGPT in Berührung kam, stellte ich mir zunächst die Frage, ob ich dafür oder dagegen sein sollte. Dann war die Antwort eigentlich klar: Ich werde diese Entwicklung nicht aufhalten. Also sollte ich sie nutzen.
Ich sah darin eine kleine Revolution, an der ich von Anfang an teilhaben konnte. Wenn ich mich darauf einlasse, kann ich nur dazulernen.
KI hat mir nicht plötzlich das Programmieren beigebracht. Sie hat mir erlaubt, schneller zu experimentieren. Ich kann eine Idee in kürzerer Zeit untersuchen und früher feststellen, ob sie überhaupt Sinn ergibt. Das macht mir Spaß.
Aber KI ist für mich kein Wundermittel. Sie ist ein Hilfsmittel. Wer sagt, man könne KI grundsätzlich nicht vertrauen, hat meiner Meinung nach oft noch nicht verstanden, dass Vertrauen nicht die richtige Kategorie für ein Werkzeug ist. Entscheidend ist, wie ich es einsetze, welche Grenzen ich setze und ob ich das Ergebnis prüfen kann.
Mit KI wurde Code demokratisierter. Menschen müssen nicht mehr jede Zeile selbst schreiben können, um Software ernsthaft zu bauen. Sie müssen aber verstehen, welches Problem sie lösen wollen, Anforderungen formulieren, Ergebnisse prüfen und Verantwortung übernehmen.
Genau dort sehe ich meine eigene Position.
Ich bin kein klassischer Softwareentwickler. Ich bin jemand, der sich mit einem Problem ernsthaft auseinandersetzt und daraus eine Lösung baut – manchmal mit Excel, manchmal mit einer Website, manchmal mit Software und heute immer wieder mit KI.
Der Weg ist nicht das fertige Produkt
Fast alles, was ich gebaut habe, wurde nie veröffentlicht. Nicht alles war produktiv. Die meisten Projekte waren Spielereien, manche blieben Konzepte, manche scheiterten an fehlendem Bedarf oder an Rahmenbedingungen.
Das macht sie nicht wertlos.
Für mich bedeutet Bauen nicht erst dann etwas, wenn am Ende ein fertiges Produkt mit Kunden steht. Bauen heißt, mich ernsthaft mit einem Problem auseinanderzusetzen und eine Lösung zu erarbeiten. Der finale Einsatz ist nicht immer entscheidend. Oft ist der Weg der eigentliche Lernprozess.
Die Systeme, die ich gebaut habe, sind deshalb auch ein Spiegel meiner Entwicklung. Excel hat mir geholfen, Ordnung in Zahlen zu bringen. Websites haben mir gezeigt, wie Ideen sichtbar werden. Software hat mir beigebracht, dass hinter einer Oberfläche viele unsichtbare Schichten liegen. KI hilft mir heute, schneller durch diese Schichten zu navigieren.
Ich muss meinen Kopf nicht in ein lineares System zwingen. Ich muss Systeme bauen, die mit meiner Art zu denken arbeiten.
Genau deshalb sind Excel, Software und KI für mich Stationen derselben Entwicklung. Ich kann Code nicht klassisch aus dem Kopf schreiben, aber ich kann Probleme erkennen, Systeme entwerfen, mit KI iterieren und Ergebnisse beurteilen.